Montag, 21. April 2008

Sind die Printmedien auf Selbstzerstörungskurs?

Gesellschaft und Kostendruck zwingen die Verlagshäuser zu Änderungen – doch die Rolle der Printmedien in der demokratischen Öffentlichkeit darf dabei nicht vergessen gehen. Ein Essay, das zum Nachdenken über den eigenen Konsum von Medien, die Auseinandersetzung mit Nachrichten sowie sich und die Welt bewegen soll. Denn Nachdenken tun wir wohl Alle viel zu selten...

Schon seit über 500 Jahren dauert die Historie der Printmedien an. Die Geschichte der Zeit miterlebt, passte sie ihre Rolle immer wieder den gesellschaftlichen Veränderungen an und war stets unersetzlich. Die Geburt der Printmedien geht ins 16. Jahrhundert zurück, als Flugblätter zu politischen und religiösen Themen gedruckt wurden. Später wurden Zeitungen daraus, ein Sammelsurium von Nachrichten. Im 17. und 18. Jahrhundert war es die Aufklärung, die ihren Einfluss ausübte und die Zeitungen versuchten, den mündigen Bürger und seinen eigenen Verstand, wie von Immanuel Kant 1784 verlangt, zu fördern. Im 19. Jahrhundert hatte die Industrialisierung und damit die Technik ihren Einfluss. Die Massenmedien waren auf dem Vormarsch, ebenso die totalitären Systeme, welche mit Zensuren bei den Medien für die Herrschaftserhaltung sorgten. Dank der westlichen Ideologie, der Demokratie, erhielten die Printmedien die Rolle zur Schaffung und Pflege einer demokratischen Öffentlichkeit zugeteilt. Nun aber sind wir in der Postmodernen angelangt und die Verlagshäuser orientieren sich neu. Sie müssen es. Denn die Verkaufs- und Leserzahlen der Printmedien sind rückläufig.

Die Suche nach einer Funktion
Früher war die Zeitung das einzige Informationsmedium. Heute geht die Konkurrenz ins Grenzenlose. Internet, Blogs, Podcasts, Radio, Fernseher, um nur die Wichtigsten zu nennen, dienen der Gesellschaft als zuverlässige, und vor allem bequemer zu konsumierende Informationsplattformen. Die Printmedien bleiben dabei auf der Strecke, „nichts ist älter als eine Zeitung von gestern“ und mittlerweile haben über 80% der Schweizer Bevölkerung Internetzugang, wo News im Minutentakt aktualisiert werden. Damit wird das Sprichwort selber alt und müsste wohl durch „nichts ist älter als eine Nachricht von vorher“ ersetzt werden. Für die Printmedien bleibt somit nichts anderes, als ihre Funktion anzupassen. Am Naheliegendsten wäre dabei wohl die Förderung von Diskursen zu wichtigen politischen Sachthemen. Durch Vermitteln von mehr Hintergrundwissen und durch qualitative Analysen könnte Mehrwert für den Leser generiert werden. Mehr Public Journalismus wäre ebenfalls wünschenswert. Dabei wird der Bürger aktiv in die Diskurse und die Themenwahl der Zeitungen miteinbezogen, was die Printmedien dem Leser wieder näher bringt und die Grundfunktion des Journalismus, die Informationsvermittlung an die Öffentlichkeit, erfüllen und fördern würde.

Gescheiterte Aufklärung?
Diese Ideen erfordern aber aufgeklärte und mündige Bürger. Ob die heutige Gesellschaft diese Kriterien erfüllt, ist fraglich. Denn bereits 1986 meinte Max Frisch bei seiner berühmten Rede zur Aufklärung, dass diese gescheitert sei. Der Mensch könnte schon, will aber den Ausgang aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit nicht finden. Die Gründe dafür sind bekannt, bereits Immanuel Kant hielt diese der Gesellschaft vor: Faulheit und Feigheit. Und auch über 300 Jahre nach dieser Erkenntnis, scheint sich nichts geändert zu haben. Ganz im Gegenteil; der Verlauf der Geschichte und die Ausprägung des Systems verstärken diese Laster zusätzlich. Die kapitalistische Welt degradiert das Individuum zu einem Konsument. Keine Mündigkeit, keine Moral - ein Leben in einer verwöhnten und unterhaltungssüchtigen Spassgesellschaft. Der Konsumvirus ist so stark, dass sogar Nachrichten nur noch verschlungen werden und eine Auseinandersetzung mit diesen meist ausbleibt. Christoph Müller forderte deshalb in seinem Plädoyer eine Entschleunigung des Journalismus. Liegt es aber wirklich am System des Journalismus oder ist es nicht viel mehr ein gesellschaftliches Problem? Die Postmoderne steht für Individualismus, doch dieser wird von den Bürgern immer öfters mit Egoismus gleichgesetzt. Die Gesellschaft zählt nur noch soviel, als dass es einen direkt betrifft. Die Solidarität ist schwindend und damit auch der Wille, sich mit anspruchsvollen Themen produktiv, innovativ und im Sinne einer Verbesserung der Lebensqualität auseinanderzusetzen. Massnahmen und Gegenbewegungen fehlen oder sind vor allem im Mediensystem schlicht nicht finanzierbar.

Geld kommt vor Verantwortung
Denn wenn Wirtschaftlichkeit und öffentliche Aufgabe in einem Zielkonflikt münden, müssen Prioritäten gesetzt werden. Dabei stehen die Verlagshäuser der Printmedien meist zwischen der Wahl im hoffnungslosen Heldentum zur Rettung und Unterstützung der demokratischen Öffentlichkeit unterzugehen oder zu überleben, und den damit verbundenen, gewinnorientierten Weg zu wählen. „Vernünftig ist, was rentiert“, so Max Frisch. Dadurch sind die Gratiszeitungen entstanden und dadurch hat das Ende der Aufklärung begonnen. Denn „20 Minuten“, „Heute“, „News“ und wie sie alle heissen, sorgen für schwindende Leserzahlen bei den Qualitätszeitungen. Und andere Medien unterstützen die Förderung des eigenen Verstandes kaum oder gar nicht. Die Gratiszeitungen sind ein weiteres Kind der Konsumgesellschaft, eine oberflächliche und unterhaltende Information genügt. Dabei hätten Printmedien doch eigentlich Verantwortung in der Demokratie, nämlich Fakten zu Gesellschafts- und Politikfragen ausführlich darzulegen, den Diskurs für elementare Themen zu fördern. Doch diese Verantwortung wird immer stärker durch Gewinnstreben verzerrt. Die Printmedien hätten sich als qualitatives Informationsmedium positionieren können. Doch mit den Gratiszeitungen scheinen sie ihr eigenes Grab geschaufelt zu haben.

Zeit, die Printmedien zu stützen
Das Geld hat über den Verstand und die Verantwortung gesiegt. Wenn die Privatwirtschaft wie in diesem Fall zu scheitern und die Plattform der demokratischen Öffentlichkeit zu verschwinden droht, ist es an der Zeit, dass die Politik ordnungshandelnd eingreift. Der Journalismus, allen voran die Printmedien, haben in einer Demokratie noch immer die wichtige und existentielle Aufgabe, als „Vierte Gewalt“ die freie Meinungsbildung zu gewährleisten. Diese Aufgabe muss geschützt werden. Sei es durch Subventionen, um dem Kostendruck entgegenzusteuern, durch Staatsaufträge an die Medienhäuser oder durch strengere Gesetze, um die zunehmende Monopolisierung einzugrenzen. Die Wendung vom kapitalistischen zum verantwortungsvollen Denken ist heute im Medienbereich gefragter denn je. Doch das System ist stärker. Darum muss staatlich eingegriffen werden, um einer möglichen Selbstzerstörung der Printmedien entgegenzuhalten.

3 Kommentare:

- El Cloedel - hat gesagt…

Und bevor ich verissen werde - ja ich weiss, es mag wohl auch daran liegen, dass sich die Gesellschaft gar nicht "wirklich" informieren will.

Doch was wäre, wenn am Morgen statt "20 Minuten" und Co., Qualitätszeitungen gratis zu haben wären? Würden diese Zeitungen dann nicht auch gelesen werden und die Gesellschaft wäre aufgeklärter?

Anonym hat gesagt…

Ich zahle für gute Qualität auch gern ein bischen mehr.. ich glaube nicht das Qualitätszeitungen wegen des Preises, der ja nicht hoch ist, weniger gelesen werden, sondern eher aufgrund von Faulheit; es ist bequemer emotionale narrative Texte zu lesen als informative trockene. Ich denke ein weiteres Wochenmagazin ähnlich der Weltwoche, aber mit anderen Ansichten hätte in der Schweiz Erfolgspotenzial.

gruss swasser

saile klein hat gesagt…

Schöner text, gibt nich viel zum zerreissen... wow ich bin mit dir wirklich fast zu 100 % einverstanden... muss ich glaubs noch mals lesen.......... ne ist oke :)



@swasser gab doch mal das facts, das war aber vom inhalt her sehr wässerig... :)