Donnerstag, 8. November 2007

Journalismus vs. PR

Am Mittwoch besuchte ich in Basel die 9. Herzberg-Tagung des Vereins „Qualität im Journalismus“. Das Thema war „Journalismus am Tropf von Behörden, Öffentlichkeitsbeauftragten und PR. Bleibt die Qualität auf der Strecke?“. Das ewige Thema über das Problem der gegenseitigen Wechselbeziehung der beiden Berufsfelder. Wie soll man mit der heutigen Informationsflut in Redaktionen umgehen, wie wird selektiert und wie stark versucht die PR zu instrumentalisieren und manipulieren?

Hochkarätige Referenten wie René Grossenbacher, Geschäftsleiter Publicom AG, Ueli Scheidegger. Leiter des Amtes für Information des Kanton Bern und vor allem Sacha Wigdorovits von der Contract Media AG (war auch langjähriger Journalist, darunter Chefredakteur des „Blick“, auch bekannt als Lebenspartner von Ingrid Deltenre, ausserdem ehemaliger Kommunikationsberater einiger Swissair-Verwaltungsräte und auch bei der Swissfirst Bank-Affäre als Berater von Thomas Matter tätig gewesen, seit neustem Verleger der Gratiszeitung .ch) informierten am Morgen die Besucher über ihre Ansichten. Dabei wurde von Grossenbacher eine Studie vorgestellt, ein Professor erzählte von den theoretischen Ansätzen und Scheidegger von der Entwicklung und Professionalisierung der Behörden. Wigdorovits hob sich aber einmal mehr ab, mit einem direkten, humorvollen Referat zum Thema „Erfolgreiches Kampagnen-Management aus PR-Sicht“. Seine rhetorische Fähigkeit und die Überzeugungskraft haben mir imponiert. Er kann einen sehr schnell einnehmen, wichtig ist es stets kritisch zu bleiben. Seine Hauptaussagen waren, dass die PR kein Interesse an instrumentalisierten Medien habe, da diese Medien unglaubwürdige und wertlose Plattformen seien. Kampagnen zu führen sei daher falsch. Ziel müsse es sein direkt und ehrlich zu kommunizieren. Der Journalismus selber habe aber auch die Aufgabe sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Gründe dass es trotzdem geschieht seien willentliches, opportunistisches Mitspielen, mangelnde Sachkompetenz, zu wenig Distanz zu Quellen und Themen sowie organisatorische Probleme. Ich will auf die Referate nicht weiter eingehen. Die lustigste Folie der Tagung aber hier doch noch anfügen. Es handelt sich um eine von Wigdorovits und seinem Team entworfene Medien-Landschaftskarte, die aufzeigen soll, wie gross der Einfluss diverser Medien und deren möglicher Instrumentalisierung ist:


Am Nachmittag wurde der 4. Medien-Award verliehen (ans Bieler Tagblatt und an die SDA), danach diskutierten Rolf App, Daniela Decurtins (stv. Chefredakteurin Tagesanzeiger), Urs P. Engeler (Bundeshausredaktor der Weltwoche, stand schon einmal vor dem Militärgericht und muss sich aufgrund seines aggressiven und provokativen Artikels gegen Bündner vor dem Anti-Rassismus-Gesetz verteidigen), Jürgen Sahli und Josef Zihlmann über journalistische Gegenstrategien. Leider war die Moderation sehr schwach, so dass sich die Teilnehmer anstecken liessen und die Diskussion langweilig und fad wurde. Einzige Höhepunkte waren dabei die Analyse der Wahlkampagne der SVP und die Reflexion zur Geheimplan-Affäre um Blocher und Meier-Schatz.

Als Fazit kann gesagt werden, dass es an den Journalisten selber liegt, wieder mehr Qualität in die Schweizer Medienlandschaft zu bringen. Zeit und Ressourcen-Knappheit hin oder her, die Lethargie scheint bei vielen Journalisten stark verbreitet zu sein. Recherchen am PC Standard, dabei kommen die interessanten Geschichten nachweislich draussen, im Gespräch mit anderen Menschen zu Tage...

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wurde der Fall Seebach auch diskutiert? Von der angeblichen Massenvergewaltigung ist nichts übrig geblieben...

Euro 08:Gestern schreibt der Tagi, dass bei einem Podium herauskam, dass die Schweiz schlecht auf die Euro vorbereitet sei, vieles sei im Argen, heute schreibt er wörtlich: "Euro-08-Macher nehmen Rücksicht auf die Sorgen der Bevölkerung" Ist der Tagi die Bevölkerung?! Haben die Zeitungen verteilt und die Leute dann gefragt was sie davon halten?!

Medien sind heute vor allem Marketinginstrumente, Langweilig! ausser natürlich die koopera ;-)

Die Grafik ist wirklich lustig, sie zeigt wer als progessive und wer als staatstragende Kraft angesehen wird...

- El Cloedel - hat gesagt…

Der Fall Seebach wurde nicht diskutiert. Hast aber recht, war auch schwacher Journalismus. Der Hype wonach bei emotionalen Themen alle Medien immer aufspringen müssen und noch einen drauf setzen wollen ist niveaulos. Wäre vielleicht ein Thema für die nächste Tagung...

Medien als Marketinginstrumente anzusehen seh ich als einer deiner bekannten zynischen Kommentare an... ;-)
In gewisser Form hast du aber schon recht, es gibt nicht mehr soviel Idealisten im Journalismus (und dieser Job braucht eine Menge Idealismus). Ausserdem ist und bleibt die Abhängigkeit der Medien ein zentraler Qualitätsfaktor für mich.

In den USA wurde eine Stiftung (1 Mio. USD) gegründet um investigativen Journalismus zu fördern. Eine gute Idee, doch woher kommt das Geld? Bleibt diese Stiftung bei ihren Aufgaben tatsächlich unabhängig, und wenn dann mal eine Story recherchiert wurde, drucken es die grossen Zeitungen auch, oder kommen diese dann wohlmöglich nicht selber in einen Interessenskonflikt? Eine gute Story wäre dann gegeben, aber kein Medium dass sie übernimmt.

Aber vielleicht kann ja dann die koopera einsteigen... ;-)

Und noch was anderes - Ist es Aufgabe des Staates, freie und unabhängige Medien als Grundinstrument der Demokratie zu stützen? Müssten da mehr Mittel fliessen um dies zu gewährleisten?

Anonym hat gesagt…

Das Problem geht meiner Meinung nach etwas weiter und vieleicht, wird es jetzt wieder zu idealistisch... :-)

Informationen als Konsumgut in der Dienstleistunggesellschaft haben die Eigenschaft, dass sie eben konsumiert werden. Das heisst der Leser hat nicht die Möglichkeit, sich Informationen zu beschaffen und bezahlt die Medien dafür. Das sorgt für das Missverständnis, der Leser könne was in der Zeitung steht für bare Münze nehmen., (ob das hier so passt...? :-) ) Dabei müsste aber die wiedergegebenen Meinung kritisch reflektieren, was natürlich ein Aufwand von Seiten des Leser bedeutet.

So ist denn das Problem wohl eher, das die liberale Haltung dafür sorgt, sich mit Geld die Freiheit kaufen zu können, sich keine Gedanken machen zu müssen.

Ein anders Beispiel. Ich gehe jeweils an den Kinoabend meiner Schule. Dort werden sehr anspruchsvolle Filme gezeigt. Würde ich am Abend vor der Glotze hängen, oder mit dies Filme als DVD reinziehen, hätte ich sicher mehr als die Hälft der Filme abgestellt. Durch das Format des Filmabends bleib ich aber sitzen und quäle mich durch diese Filme. Das Fazit ist, dass mich die meistens dieser zähen Filme gedanklich und visuell sehr viel weitergebracht haben...

Aus dem Grund les ich den Le Monde Diplomatique und nicht die Weltwoche mit ihrem Lifestyleanhängsel ein Prädikat für den falsch verstanden Dienstleitungsauftrag der Medien.